Das indische Kastenwesen

Die indische Gesellschaft ist seit über 1500 Jahren stark vom Kastenwesen geprägt, das Teil der Lehre des Hinduismus ist. Gemäß der hinduistischen Lehre werden die Menschen in eine bestimmte soziale Gruppe, die so genannte Kaste, hineingeboren und gehören ihr das gesamte Leben lang an. Die Kasten stehen untereinander in einer Rangfolge; Auf- und Abstieg innerhalb des Kastensystems ist nicht möglich. Heirat zwischen verschiedenen Kasten war für Jahrhunderte ausgeschlossen. Man unterscheidet in der Sozialordnung:

1.Brahmanen
2.Kshatriya
3.Vaishya
4.Shudra
(Kaste der Priester und Gelehrten)
(Kaste der Krieger und adligen Landbesitzer)
(Kaste der Händler und Kaufleute)
(Knechte, Dienstleistende)

Der hinduistischen Mythologie zufolge entstanden alle Menschen aus dem Körper Brahmas, des Schöpfergottes: die Brahmanen entsprangen aus seinem Mund, die Krieger aus seinen Armen, die Kaufleute aus seinem Leib und aus seinen Füßen die Shudras, die die Last des Körpers zu tragen hatten und damit die niederen Arbeiten verrichten mussten.

Außerhalb des Kastensystems leben die Kastenlosen, auch Unberührbare genannt. Sie gelten von Geburt aus als unrein; deswegen dürfen Angehörige der drei oberen Kasten auf gar keinen Fall mit ihnen in Berührung kommen. Dies gilt nicht nur für Körperkontakt; die oberen Kasten dürfen auch nicht dasselbe Geschirr wie Unberührbare benutzen, sich nicht in denselben Gewässern waschen, und im Extremfall nicht einmal mit dem Schatten eines Kastenlosen in Berührung kommen.

Dies hat über Jahrhunderte hinweg zu schlimmen Vorurteilen und Ausgliederung der Unberührbaren aus dem täglichen Leben geführt. Sie hatten und haben noch heute ihre Wohnbezirke außerhalb der Dorfgemeinschaften; auch gab und gibt es gewalttätige Ausschreitungen gegen Unberührbare. Mahatma Gandhi bezeichnete sie als Harijan, die „Kinder Gottes“ bezeichnet. Gandhi, selbst Brahmane, versuchte sich bewusst über die Kastengrenzen hinwegzusetzen – ohne Erfolg allerdings. Heute werden die Kastenlosen politisch korrekt als Dalits bezeichnet.

Auch nach der Einführung der indischen Verfassung existiert das Kastensystem weiterhin, allerdings spielt es eine geringere gesellschaftliche Rolle. Vor allem in Großstädten ist die Kastenzugehörigkeit auf Grund der vorherrschenden Anonymität eher unwichtig. Wer stolz darauf ist, Brahmane zu sein, kann dies natürlich als Statussymbol verwenden. Die heutige junge Generation in Indien identifiziert sich nahezu gar nicht mehr über die Kasten. Während das Kastensystem selbst auch im demokratischen Indien fortbesteht, ist Diskriminierung auf Grund von Kastenzugehörigkeit streng verboten, denn die Gleichheit vor dem Gesetz ist immerhin eines der wesentlichen Grundprinzipien der Demokratie. In städtischen Gebieten ist diese Gleichheit auch gewährleistet, in den ländlichen Gegenden Indiens hingegen lassen sich die Einflüsse des Kastensystems und die strenge Isolation der Dalits, die über 1500 Jahre gewachsen ist, nicht von heute auf morgen beseitigen.